Sonntag, Dezember 30

2012: Non, je ne regrette rien


Wäre die Welt vor einer Woche untergegangen, mein Jahr 2012 hätte die perfekte Krönung erhalten, schon nur aus dramaturgischen Gründen.

2012 war ein Jahr ohne viele Zwischenstufen, eine Achterbahnfahrt. Schier bodenlose Leere unter unendlich weitem Himmel.


Ich habe mich tätowieren lassen und bereue das noch keine Sekunde. They're a wall of arms around me.Ich hab mein Tattoo gefeiert, und ins Innerste von Menschen gesehen, metaphorisch wie tatsächlich. Ich habe halbnackte Männer mit Affenmasken fotografiert und mein Bier ist in einer alten Küche zu Eis erstarrt.
Ich habe zur Beruhigung Kraniche gefaltet und war ein Mäuschen.


Mit meinem Droog bin ich durch eine nass-bunte Masse aus Armen, Beinen, Masken und Konfetti gezogen und habe ihn in selber verloren. Ich bin durch die Nacht gefahren in einem Bus, begleitet von einem maskierten Betrunkenen, der einst meiner pseudo-schwedischen Freundin Bratwurst aufgetischt hat, als er sie romantisch bekochen wollte. Hey, Hier kommt Alex!
Ich habe einen Brief erhalten, Träume begraben und grün gekleidet verdrängt.
Zu Irish Folk gesteppt und den Überblick über eine Dreiecksbeziehung verloren, die am St. Patrick's Day um mindestens zwei weitere Ecken erweitert wurde.
Aber weil irischer Whisky manchmal auch nicht reicht, um Traurigkeit wegzuspülen, habe ich mir alle beide "Pushing Daisies"-Staffeln zukommen lassen, mich in warme Decken und an meine Flauschekatze gekuschelt und ganz viel Kuchen gegessen.


Leute sind still und heimlich gegangen, aus meinem Leben oder aus der Welt.
Und andere sind endlich, endlich von der anderen Seite der Welt zurückgekehrt,
Mein neuer Nebenjob als Barmaid wurde angetreten und ich wurde zur neuen Göttin von Igor auserkoren, obwohl ich doch viel zu jung für sowas bin. Florence Welch hat meine Stimmungsschwankungen besungen und das so lange, bis ich die gleiche Frisur hatte wie sie. And I am done with my graceless heart, so tonight I'm gonna cut it out and then restart.


Dann habe ich einen Monat lang nichts getan. Meine einzigen Handlungen beschränkten sich darauf, Reisen zu buchen und Open-Air-Tickets zu bestellen in der Hoffnung, der Sommer möge einen Wechsel mit sich bringen.
Geburtstage wurden gefeiert, falsche Menschen geküsst und in fremden Betten geschlafen.
Meine feierlustigen Freunde haben spontanstens ein Begrüssungs-Openair für den nahenden Sommer veranstaltet, wir haben mit Security-Männern kalte Pizza gegrillt und Zigaretten geraucht.
Wir haben auf den ersten Blick gehasst und einen Jelly-Shot zu viel verschlungen. I really fucked it up this time, didn't I, my dear?


Der Sommer ist tatsächlich angekommen und mit ihm das Glück. Wir haben uns frei getanzt, auch wenn niemand so wirklich weiss, wovon.



Ich war die Königin des Mülls und bin in Glasscherben gelegen. Habe auf Windelbergen posiert und mich auf alte Reifen gesetzt.


Wir zogen für ein paar Tage in den fernen Osten nach St.Gallen und erlebten ein (naja, für die meisten) unvergessliches Open Air. Ich habe Paul Kalkbrenner gehört, von meinem Zelt aus und litt unter brennender Hirnhaut. Wir haben Leute mit Wasserpistolen attackiert und sie fanden es mehrheitlich auch ganz gut. Raise your weapon. Raise your weapon.


Wir haben den Sonnentanz getanzt und sind fast jeden Tag im gleichen Café gesessen, ohne dass uns auch nur einmal das Gesprächsthema ausgegangen wäre. Für Skandale hatten wir ja schliesslich eigenhändig gesorgt und das ausreichend.


Mit meinem schönen Norweger bin ich nach Berlin gefahren und habe ein Stück Herz zurückgelassen (neben Geld im Wert eines alten Kleinwagens). Wir haben jeden Tag Burger gegessen, uns an den Händen gehalten und einen halben Tag im Prenzlauerberg verbracht.


Mit meiner Familie bin ich nach Wien gefahren, habe meine Angst überwunden und auf der Achterbahn nur fast so laut gekreischt, wie mein Bruder. Ich habe Bagels gegessen und mit meiner Schwester den schönsten Zoowärter der Welt bestaunt, als er mit Ameisenbärbabies gespielt hat. Oh, but dear.


Gereist bin ich auch innerhalb der Schweiz, zum Beispiel nach Montreux, wo wir Four Tet und xxxy beim Spielen zuschauten und etwas enttäuscht zurückkehrten.
Ich habe mir spontan ein Ticket fürs Zürich Open Air gekauft und festgestellt, dass Spontankäufe immer noch die lohnenswertesten sind. Mein betrunkenes Ich hat am Konzert von Bloc Party kurz sein hormongefülltes Herz verschenkt, wir haben den Boxmeister kennengelernt und sind mit ihm am Flughafen rumgelungert. Mein Zelt war undicht, mein Schlafsack wurde zu einem Fussbad umfunktioniert und nach zwei Tagen musste ich nach Hause, weil ich keinen trockenen Fetzen mehr hatte.
Ein weiblicher Prodigy-Fan hat mir ganz viel Weisswein geschenkt und wir sind vorzeitig abgereist, weil keiner von uns mehr ein Auge zutun konnte. Can we be real for a moment?


Weil Open Airs so schön sind, haben wir kurzerhand unser eigenes veranstaltet, pünktlich zum Ende des Sommers. In strömendem Regen haben die Bands gespielt und ich bin mit einem schönen Sänger abgestürzt. Wir haben alles auf den Grill geworfen, was uns in die Finger gekommen ist und wir haben mit Plastikstirnbändern YMCA getanzt. I, I follow, I follow you.


Mitte September verabschiedete ich mich mit einem rauschenden Fest von meinen Teenagerjahren und habe ein Krönchen getragen. Es wurde musikalisch improvisiert und zwar so sehr, dass meine Mutter aus Stein Tränen lachte. Jemand hat aus einem Katzennapf Whisky getrunken. Mein Bruder hat den vier Meter breiten Eingang beidseitig gerammt und ist nach einer halben Stunde nachhause getorkelt. Wir haben eine Bar mitten auf der Strasse eröffnet. Fluoreszierende Chatzeurin


Und so begann der exzessivste Jahresteil.
Das Semester hatte begonnen und ich musste feststellen, dass auch Plan B ein guter Plan sein kann.

Ich habe wieder gearbeitet und einen entzückenden Nordländer kennengelernt. Wir haben über Tattoos gesprochen und vier Tage später hatte ich mein nächstes (unrelated). Destroy me, I know you're pretending. Come back to me when you're found


Serendipität ist toll, ihr Timing manchmal weniger.
Ich habe Bier getrunken. Ich habe Zigaretten geraucht. Zu oft.
Die Normalität kriegte einen neuen, komischen Anstrich und wir waren mehr als einmal ziemlich sicher, in einem Paralleluniversum gelandet zu sein.
Ich habe gute Musik zugeschickt bekommen und vor Clubs gewartet. An diesem Abend habe ich mein Krönchen verloren.
Und meine Brille.
Ich habe vergeblich gewartet und festgestellt, dass keine Entscheidungen zu treffen manchmal am besten ist, weil sich sowieso alles irgendwie löst.
Ich habe meine Lungen geschwärzt und meine Leber getriezt und zu viel Selbstdestruktion betrieben. Ich habe nicht geschlafen. So I'm moving to New York 'cause I've got problems with my sleep
Der Winter ist kurz eingebrochen und irgendwie konnte nicht mal der Schnee meine Laune bessern.
Bevor der Schnee sich verabschiedet hat, besuchten wir ein Debüt-Konzert und haben Geologenfreibier getrunken. Es wurde ausgiebig geküsst, dem Mistelzweig sei Dank und ich haben den besten Abend des Jahres erlebt, mit meinen Lieblingsmenschen, trotz Spiegelverkehrtheit und Rotweinflecken.
Ich wurde von einer Frau nach meiner Nummer gefragt und habe in ihr eine wahrliche Partyschwester gefunden.


Ich habe meine Prüfungen geschrieben und einigermassen brilliert.
Der Untergang der Welt wurde angekündigt und wir feierten, als ob es kein morgen mehr gäbe.
Ich habe mich von einem menschlichen Hundewelpen zum Tequilatrinken überreden lassen und die bevorstehenden Katastrophen angekündigt. Ich habe Shots getrunken. Wir haben Shots getrunken. Ich habe Shots getrunken. Unzählige.
"Kann man dich eigentlich keine fünf Minuten alleine lassen?!". Ich habe Schulden beglichen, die ich nicht hätte begleichen sollen und mein inneres Groupie war zufrieden.
Wir haben Kleber verteilt und haben zum Aufgang der Sonne frittiert.

Ja, die Welt hätte an jenem Abend untergehen können.
Nicht bloss, weil ich viele Dinge getan habe, auf die ich nicht sehr stolz bin.
Aber hätte alles ein Ende gehabt in jener Nacht, ich hätte nicht bereut, nicht die Höhen, nicht die Tiefen.
Lieber intensiv leben als gar nicht. Non, je ne regrette rien. Ni le bien q'on m'a fait. Ni le mal, tout ça m'est bien égal.



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