Freitag, Juni 1

Tanz dem Fatalismus





Eigentlich wollte ich schon vorgestern herumposaunen, wie sehr ich mich auf den Samstagabend freue. Der Grund? Tanz dich frei 2.0 - Eine Tanzdemo, zu der bis zum jetzigen Moment sage und schreibe 9'570 Leute per Facebook ihre Teilnahme angekündigt haben. Aber wie es sich mit dem Herumposaunen so hat - Man schläft besser noch mal drüber und lässt sich ausgeschlafen von der Realität in den Allerwertesten treten. Auch wir wollen eine A-Stadt verhindern. Diese besteht für uns aber aus Aufwertungspolitik, Ausgrenzung und Ausbeutung. Wir wollen uns nicht auf der Nase herumtanzen lassen, sondern selber bestimmen, wo und wann wir tanzen!", heisst es von den zwar anonymen Veranstaltern.

Gibt's nix zu meckern.

"Das Tanz Dich Frei ist mehr als ein riesiges Strassenfest - es soll eine poltische Botschaft an die herrschenden, kapitalistischen Verhältnisse sein. Wir lassen es uns nicht gefallen, das über unsere Köpfe hinweg bestimmt wird. Wir akzeptieren nicht blind Gesetze und Autoritäten, welche uns aufgedrängt werden. Wir wollen ein besseres Leben: Produktion, die sich nach den Bedürfnissen der Menschen richtet. Nicht nach Profit und Gewinn. Eine Wirtschaft, die den Menschen dient, nicht der Mensch der Wirtschaft. Wir wollen nicht sinnloses Wachstum, Umweltverschmutzungen und Tod. Wir wollen keine Welt, in der Wenige vieles besitzen und Viele nichts!"

Schön, gut, steh' ich vollkommen dahinter, auch wenn ich zugegebenermassen immer noch als zu gut funktionierendes Zahnrad in der kapitalistischen Maschinerie funktioniere. Es ist ein Teufelskreis, dieser Kapitalismus, und ich habe die Illusion schon lange aufgegeben, mich völlig aus den Fängen dieses Systems befreien zu können, wenn sich nicht bald eine bessere Alternative findet.
Ein Allheilmittel ist auch mir nicht bekannt, aber wer die Augen vor Umweltverschmutzung und Ausbeutung heute immer noch verschliesst, ernsthaft propagiert, weiterhin auf Kosten vom Biotop Erde und unterprivilegierten Menschen dem Genuss zu frönen, der gehört mit seinem ökologischen Fussabdruck ins Gesicht getreten.

Die Zwecke des Strassenfestes sind also zweifelsohne edel und wenn wir zu tausenden von Musik begleitet durch die Strassen ziehen, uns bunt bemalen und friedlich unseren Unmut bei schönstem Wetter kundtun, drängen sich den Naiven unter uns wohl doch vernebelte eigen fabrizierte Woodstockerinnerungen in den Hinterkopf.


Ach, wie schön das wäre. Wer sich per Pinnwandeintrag jedoch gegen unnötige Gewaltausschreitungen ausgesprochen hat, der durfte sich abwechselnder Weise als "dämlicher scheiss Hippie" oder als "von den Massenmedien hirngewaschener Bürgerlicher" bezeichnen lassen.
Hier und da wird verhalten zur Gewalt als Konter gegen Staatsgewalt und ihre Helfer aufgerufen, vage Vergleiche zwischen Ägypten und der Schweiz werden angedeutet und wer logische Kohärenz bemängelt, outet sich damit offenbar als Diener der oberen Zehntausend.

Die Gemeinschaft treibt einen Keil in ihren eigenen Leib und das Blut wird auf die Mühlen der Kritiker getragen.

Ich weiss nicht mehr so recht, ob ich mich auf die morgige Nacht freuen kann oder darf (Gewaltunbereite "Hippies" bzw. "Rechtskonservative" - je nachdem, welche abwegige Bezeichnung gerade lieber verwendet wird - haben sogar laut dem Veranstalter nichts an der Kundgebung zu tun).

Tanzen wir uns frei, Tanz dem Kapitalismus, dem Fanatismus, dem Fatalismus.
Mit Neon-Kriegsbemalung und Glitzer im Gesicht.
Und diesmal mach' ich auch ganz bestimmt Fotos.





Und so sah das Ganze mit läppischen 3'000 Anwesenden aus.







Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen